Der Schäfer


Auf der Weide tausend Schafe,
In dem Stalle tausend mehr,
Alle fürchtend meiner Strafe,
Meine Mitra, die wiegt schwer.

Alte Worte fremder Sprache,
Stehen tief im Buch der Gnade,
Das, der Zufall will es dann,
Ich allein nur lesen kann.

Schäfer bin ich, guter Hirt‘,
Der dem Mensch, der wahllos irrt,
Zeigt die einzig wahre Spur,
Hört er meine Worte nur.

Abstinenz hab‘ ich geschworen,
Fällt mir auch die Roll‘ nicht schwer,
Bin zum Hirten auserkoren,
Mag ich ja die Wolle sehr.

Ich scher‘ die Tiere jeden Tag,
Weiß ich doch: die Woll’ sie plagt.
Blick zum Kreuz, das mir verlieh
Die Macht, mit der ich führe sie.

Mit Stab und Hut und Rauchgeleit,
Gehüllt ins weiße Unschuldskleid,
Ich sie dann pflege, sorge, schlachte,
Meine Hand Erlösung brachte.

Ausgedörrt und ausgebleicht,
Schick ich sie zum Himmelsreich,
Nackt die Haut und kahlgeschoren,
Nicht auf Gott – auf mich geschworen.

Schäfer bin ich, guter Hirt,
Der dem Mensch, der wahllos irrt,
Zeigt die einzig wahre Spur,
Möcht‘ ich seine Wolle nur.

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